Avengers: Infinity War – Kritik

Avengers: Infinity War - Kritik

Ob Tony Stark (Robert Downey Jr.) vom Erfolg des Marvel Cinematic Universe wusste, als er sich am Ende von Iron Man siegessicher der Presse stellte? Das Bekenntnis zur Superhelden-Identität veränderte nicht nur die Karriere eines reichen Playboys, der sein Leben lang mit den falschen Dingen verschwendet hatte, sondern ebenfalls den Werdegang einer Marke, die sich lange Zeit unter Wert verkauft hatte, konkret in Form von unvorteilhaften Lizenzen, die Marvel Comics in den 1990er Jahren an diverse Filmstudios abtrat. 2008 wehte jedoch ein frischer Wind in der von Düsternis befallenen Superhelden-Landschaft, als sich die Marvel Studios als eigene schöpfende Kraft definierten und den Grundstein eines Franchise-Monstrums legten, das mindestens genauso oft hätte scheitern können, wie es Erfolg hatte.

Zehn Jahre später – inzwischen unter dem Dach von Disney – gehört die Überschreitung der goldenen Milliarden-Grenze zur selbstverständlichen Erwartungshaltung, während Fanscharen rund um den Globus die Ankunft von Oberbösewicht Thanos (Josh Brolin) auf der Erde erwarten. Avengers: Infinity War markiert den Anfang vom Ende der dritten Phase des MCU und verspricht nach dem routinierten Selbstverständnis vergangener Segmente ein packendes Abenteuer voller gewichtiger Entscheidungen und Ereignisse. Lange Zeit ist sich die gigantische Finalaufstellung dieser ohrenbetäubenden Endschlacht nicht sicher, ob sie dieses Versprechen, das mit dem Ausblick auf Endgültigkeit lockt, wirklich einlösen will. Zögerlich bewegen sich die Heroen durch erschlagende Digitalwelten, bevor ein Donnern eine Stille und Leere heraufbeschwört, wie sie noch nie im MCU zu sehen war.

Größer, lauter, schneller: Nach 18 Filmen, darunter zwei Avengers-Teilen und ein nicht weniger episches Aufeinandertreffen in Captain America: Civil War, stellt sich die Frage, in welchen Dimensionen sich das MCU hinsichtlich des finalen Paukenschlags noch steigern kann. Zwei Solo-Filme stehen noch auf dem Plan, ehe in genau einem Jahr mit einem vierten Avengers-Film endgültig der letzte Vorhang für die erste Generation fallen soll und eine neue Ära anbricht. Die Erwartungen an einen packenden Schlussakt sind folglich nicht gering, zumal sich in den vergangenen Jahren durchaus einiges an erzählerischem Material angestaut hat, das nur darauf wartet, entfesselt zu werden. Es ist zweifelsohne einer der größten Reize dieses kohärenten Filmuniversums.

Zu den offensichtlichsten dieser konfliktgeladenen Handlungsstränge gehört wohl die Suche nach den Infinity-Steinen, die bisher hauptsächlich als MacGuffins dienten und lediglich im Hintergrund den großen Krieg gegen Thanos angedeutet haben. Nun ist es aber so weit und der Mad Titan ist im Begriff, mit nur einem Fingerschnippen das halbe Universum auszulöschen. Eine überlebensgroße Bedrohung, um das dramaturgische Gewicht auf ein neues Level zu hieven: Es wirkt fast so, als hätte das MCU die lange umschiffte Konsequenz als Schlüssel zur Steigerung des Spektakels erkannt. Doch dann herrscht lange Zeit nur die rohste Ausführung dieser Idee, die uns viel zeigen will, aber wenig erzählt, insbesondere im Hinblick auf das reiche Ensemble.

Es beginnt unmittelbar nach den Ereignissen von Thor: Ragnarok, bezieht sich auf die Geschehnisse von Guardians of the Galaxy Vol. 2, Spider-Man: Homecoming und Black Panther, von der schicksalhaften Spaltung der Avengers ganz zu schweigen. Die Bruchstücke des MCU wollen alle in Avengers: Infinity War vereint werden, während Thanos alles daran setzt, um sie zu zerschlagen und auseinanderzutreiben. Joe und Anthony Russo, die zuvor als Regisseur des zweiten und dritten Captain America-Films fungierten, haben sich schrittweise herangetastet, an dieses Mega-Crossover, das im Kino wahrlich seinesgleichen sucht und alleine im Angesicht seiner Möglichkeiten die Fantasie beflügelt, wäre da nicht der Blick in die Vergangenheit.

Eine verblüffende, wenn auch wenig erquickende Routine konnte den letzten MCU-Filmen nicht abgesprochen werden. Das Franchise hat seinen Rhythmus gefunden und lässt sich wie ein Steckbaukasten perfekt genormt zusammensetzen. Die Neugier, die vor Joss Whedons Mammutaufgabe der ersten Avenger-Vereinigung dominierte, wird mittlerweile ersetzt vom puren Rausch der großen Namen und Ankündigungen. Ein Trumpf folgt auf den nächsten – wo einst hingebungsvoll die Egos von Superhelden kollidierten, sind es jetzt vorzugsweise reißerischen Andeutungen der planenden Köpfe hinter den Kulissen, allen voran Marvel-Chef Kevin Feige. Oftmals hören sich die MCU-Filme in der Theorie jedoch aufregender, als sie es auf der großen Leinwand schlussendlich sind.

Um darüber hinwegzutäuschen, platzt Avengers: Infinity War als Event aus allen Nähten und will sich mit keiner Atempause zufriedengeben – oder besser: Avengers: Infinity War kann sich Atempausen gar nicht mehr leisten, weil in Anbetracht des beeindruckenden Ensembles logistische Entscheidungen in den Vordergrund rücken, ja, sogar das komplette Drehbuch aus der Feder von Christopher Markus und Stephen McFeely übernehmen. Die Zahnräder der gewaltigen MCU-Maschine kommen regelrecht zum Vorschein, was durchaus faszinierend ist, gleichzeitig aber nicht mehr den Charme der ersten Phase transportiert. War es anfangs noch unheimlich fesselnd, den Moment zu erleben, an dem alles hätte scheitern können, sind die Avengers inzwischen im selbstischeren Tony Stark-Modus angekommen und lassen sich selbst von Raumschiffen am Himmel nicht mehr beeindrucken.

Niemand Geringeres als Stan Lee, seines Zeichens Schöpfer unzähliger Marvel-Helden, ist es, der im Zuge seines obligatorischen Cameos von Schulkindern wissen will, ob sie etwa noch nie eines der fliegenden Objekte gesehen hätten, die da bedrohlich über New Yorks Häuserschluchten thronen. Für das Staunen der Kinder ist allerdings keine Zeit, obgleich sie es sind, deren Träume Filme wie Avengers: Infinity War ermöglichen. Stattdessen geht es zweieinhalb Stunden darum, Figuren angestrengt effektiv auf einen Schachbrett zu bewegen, ohne sich auf das emotionale Fundament einzulassen, das in mühevoller Vorarbeit in zehn Jahren MCU gelegt wurde. An zerreißender Wucht fehlt es dem Film keineswegs, nur eben am Atem, um ein Gespür für den überall drohenden Verlust zu entwickeln und diesen nicht bloß zu behaupten.

Wo Joss Whedon den Akt der Zusammenführung gekonnt als eigenes Handlungselement erkannte und in die Geschichte von The Avengers integrierte, beweisen die Russo-Brüder im Fall von Avengers: Infinity War weitaus weniger Geschick, wenn es darum geht, die Brücke zwischen Figuren und Schauplätzen zu schlagen. Holprig manövriert sich der Film durch seine Set-Pieces, oftmals erschreckend unkonzentriert, gerade wenn es um die zentralen Motive der Geschehnisse geht. Genauso wie die Kamera stets an den Gesichtern der Schauspieler klebt und versucht, die Reflexion einer jeden schicksalhaften Wendung in ihren Augen einzufangen, trauen sich die Russo-Brüder selten einen Schritt zurückzutreten und gewisse Situationen aus der Ferne zu betrachten.

Dabei fehlt es Avengers: Infinity War sicherlich nicht an Ambition, sondern vielmehr an Vertrauen in die Kraft der Ruhe. Als würde der im düsteren, durchaus schockierenden und überaus verheißungsvollen Auftakt angeschlagene Powerchord niemals verklingen, zieht sich ein betäubendes Grundrauschen durch das nachfolgende Epos, das beständig nach Balance strebt, aufgrund von erzwungener Kontrolle allerdings in unendlichen Korridoren der Gleichgültigkeit verlorengeht. Avengers: Infinity War ist ein MCU-Potpourri der tragischen Sorte, dessen einzige Überzeugungskraft aus der ausgestellten Größe resultiert. Doch selbst hier gibt es wenig zu entdecken, denn in puncto Inszenierung lassen die Russo-Brüder einmal mehr verbindend Raffinesse vemissen, wenngleich im Gegensatz zu Winter Soldier und Civil War wenigstens mehr – wenn auch meistens nur gedämpfte – Farben im Spiel sind.

Die Kurzweil sei an dieser Stelle gar nicht infrage gestellt. Ausreichend Figuren wurden in den vergangenen Jahren etabliert, die gekonnt charakterisiert und vor allem exzellent besetzt wurden. Avengers: Infinity War erstickt zwar an der Masse, kann im Autopilot jedoch einige pointierte Passagen mitnehmen, ehe die pure Aneinanderreihung von Geschehnissen den vordergründigen Superhelden-Spaß dämmt. Gewissermaßen sättigt der Film mit seinem Überfluss, der über weite Strecken zufriedenstellt, vorzugsweise aber ein Gefühl von Fülle und nicht Erfüllung hinterlässt. Als ginge es ausschließlich darum, sich von einer Station zur nächsten zu hangeln, ohne für einen Augenblick in der Weite sagenhafter Weltraumpanoramen zu verweilen, wie es Thanos am liebsten auch tun würden, wenn er denn sein Werk vollendet und das halbe Universum ausgelöscht hat.

Genau im Schwung einer solch trägen Geste, die mehr einem unbeholfenen Stolpern als einer eleganten Bewegung gleicht, blitzen sie dennoch immer wieder durch die monotone Inszenierung: Hoffnungsschimmer, die etwa von einem dermaßen verirrten Bösewicht berichten, dass er trotz seines unglücklichen Designs sofort jegliche Aufmerksamkeit im filmischen Raum auf sich zieht. Völlig weltfremd befindet er sich als einziger Guter auf einer undankbaren Mission. Die Bürde des Universums auf seinen Schultern lastend berührt das tragische Missverständnis des Schurken, der mit seiner verzerrten Wahrnehmung ebenfalls eine Reihe erschütternder Abgründe aufreißt, die verstören, aber wohl zur aufrichtigsten Facette des Films gehören.

Ein Flashback, der Thanos‘ Beziehung zu Gamora (Zoe Saldana) manifestiert. Eine Begegnung mit dem Tod, die das Opfer einer geliebten Seele erfordert. Und eine unverbesserliche Entschlossenheit, um noch tiefer in die vernichtende Sackgasse einzudringen. Augenblicke wie diese, die wahrlich für Gänsehaut sorgen, weil das Gezeigte endlich den Grat an Ungeheuerlichkeiten erreicht, sind es, die Avengers: Infinity War entgegen der unübersehbaren Schwächen in ein reizvolles, weil ungewisses Abenteuer verwandeln. Plötzlich vermögen nicht einmal mehr die einfallslosen Montagen, die sich mühselig von einer identitätslosen Battle-Stage zur anderen schleppen, der Faszination für dieses Fast-Finale zu brechen. Denn am Ende glaubt Avengers: Infinity War tatsächlich an die Endgültigkeit, die eine brennende Welt beschwört.

Ausgerechnet in seinen letzten Minuten trifft der Film seine mutigste Entscheidung und verabschiedet sich von all dem Getöse im Hintergrund. Entgegen der stumpfen Aufnahmen von Massenschlachten, die ihren vermeintlich mitreißenden Effekt weit verfehlen, treten auf einmal wieder die weit aufgerissenen Augen der Superhelden in den Vordergrund und eine ultimative Stille breitet sich aus. Keine Stille im Sinne von absoluter Ruhe, sondern eine Stille, die sich in schwebender Unendlichkeit entfaltet und komplett mit der überhöhten Mythologie der Geschichte verschmilzt. Wo Joss Whedon bisher den denkwürdigsten Weg gefunden hat, um eine Splash-Page in bewegte Bilder zu übersetzen, scheiterten die Russo-Brüder bisher mit dem trostlos-grauen Flughafenkampf in Civil War an vergleichbarer Pracht. Mit dem letzten Gemälde in Avengers: Infinity War haben sie vielleicht aber doch ihren großen MCU-Moment geschaffen, der für immer bleiben wird.

Avengers: Infinity War © Walt Disney Studios Motion Pictures

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.